Das Archiv Vetsera-Baltazzi
Januar 8th, 2008
Marie Alexandrine Freiin von Vetsera, Kronprinz Rudolfs “Gefährtin für den Tod”, ist die traurige Heldin des so genannten Dramas von Mayerling: Gestorben im Bett des österreichischen Thronfolgers, verscharrt in der Selbstmörder ecke des Friedhofes von Heiligenkreuz, geschändet in den Wirren des Jahres 1945, geraubt aus dem Grab im Jahre 1991 und bei Nacht und Nebel wieder beigesetzt im Oktober 1993. Jetzt ist es an der Zeit, auch ihr Leben zu dokumentieren.
Die Idee
Das Vetsera-Archiv verfolgt das Ziel, Texte, Dokumente und Objekte aus dem Nachlass der Mitglieder der Familie Vetsera zu sammeln, zu ordnen und zu erschließen. Die Ergebnisse sollen im Mayerling-Museum durch Ausstellungen und Kataloge, vom Archiv durch wissenschaftliche Veröffentlichungen, Lese- und Studienausgaben und mancherlei Verzeichnisse in verschiedenen Schriftenreihen sowie einer Publikation zum “Kronprinz Rudolf Jahr 2008″ der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Sammlungen stehen jedem wissenschaftlich Arbeitenden im Rahmen der üblichen Archivbestimmungen in den Räumen des Mayerling-Archivs nach Abstimmung zur Einsicht offen. Den allgemeinen Zugang und die mögliche Auswertung der Materialien regelt die Benutzungsordnung.
Die Vorgeschichte
Über viele Jahre hinweg wurden die nachgelassenen Gegenstände der Familien Vetsera und Baltazzi in Salzburg bzw. in Wien verwahrt. Die letzte Trägerin des Familiennamens, Ferdinande Baronin Vetsera (gest. 24.05.1990), und ihre Schwester, Eleonore Gräfin Hoyos (gest. 18.05.1991), betrauten bereits in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts den Wiener Hermann Schwanzer, genannt Swistun mit der Nachlasspflege und übertrugen ihm in Folge einen großen Teil des schriftlichen Nachlasses und der vererbten Familienobjekte. Das Archiv wurde fortan in Wien gebündelt und ausgewertet.
Der frühere Archivar
Hermann Swistun-Schwanzer veröffentlichte 1980 gemeinsam mit Heinrich Baltazzi-Scharschmid das Buch “Die Familie Baltazzi-Vetsera im kaiserlichen Wien”, editierte 1982 zusammen mit Margot Judtmann die Neuauflage des Buches “Mayerling ohne Mythos” und verfasst im gleichen Jahr das Buch “Mary Vetsera - Gefährtin für den Tod”, das 1999 kurz nach seinem Tod in zweiter, überarbeiteter Auflage auf den Markt kam. Am 26. Juni 1999 verstarb der Schriftsteller, Sammler und langjährige Archivar der Familie Vetsera in Wien. Nach seinem Tod stellt sich die Frage, was aus dem umfangreichen Familienarchiv wurde? Selbst Freunde des Verstorbenen und die Angehörigen der Familien Vetsera und Baltazzi wissen nicht um den Verbleib des Materials.
Der Verlust
Einige Objekte des Familienarchivs wurden bereits vor dem Tod von Hermann Swistun-Schwanzer in Auktionen wie z.B. im Palais Dorotheum Wien angeboten, andere an Privatpersonen verkauft oder verschenkt. Der große Rest darf nach heutigem Kenntnisstand als verloren angesehen werden, denn Familienpapiere aus den Häusern Vetsera und Baltazzi sind äußerst selten und kommen fast nie in den Handel. Viele handschriftliche Hinterlassenschaften z.B. von Marie Alexandrine von Vetsera wurden vernichtet. Die wenigen Erhaltenen, die zum Glück nicht dem Familienarchiv Vetsera-Baltazzi eingegliedert waren, befinden sich heute in Wiener Privatbesitz bzw. im Mayerling-Archiv.
Die Suche
Zu den weiterhin gesuchten Nachlassgegenständen werden Briefe, Bilder und Objekte aus dem Besitz der Familien, insbesondere folgender Personen gezählt:
- Marie Alexandrine “Mary” Freiin von Vetsera 1871-1889
- Johanna “Hanna” Gräfin von Bylandt-Rheyd, geborene Freiin von Vetsera 1868-1901
- Helene Baronin von Vetsera, geborene Baltazzi 1847-1925
- Albin Baron von Vetsera 1825-1887
- Ladislaus “Lazi” von Vetsera 1865-1881
- Franz Albin “Feri” von Vetsera 1872-1915
- Alexander von Baltazzi 1850-1915
- Aristide von Baltazzi 1853-1914
- Hector von Baltazzi 1851-1916
- Heinrich “Henry” von Baltazzi 1858-1929
Für die Biographie der Mary Vetsera und die Einordnung ihrer Person in den geschichtlichen Kontext ist der schriftliche Nachlass der Baroness von großem Interesse. Darüber hinaus geben natürlich alle weiteren schriftliche Dokumente der Familienmitglieder ein beredetes Zeugnis vom Denken und Handeln der Verfasser in ihrer Zeit.
Briefe von Mary Vetsera
Aus dem Nachlass der Familienmitglieder sind heute nur wenige Stücke erhalten bzw. konnten bislang nur wenige Objekte von uns lokalisiert werden. So existieren eigenhändige Briefe der Baroness Mary Vetsera nach jetzigem Kenntnisstand ausschließlich in einer Wiener Privatsammlung sowie im Mayerling-Archiv. Institutionelle Handschriftenstammlungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz besitzen keine Briefe der Baroness.
Briefe und Dokumente von Familienmitgliedern
Einige Briefe der Helene Vetsera und ihres Gatten, Albin Vetsera, sind in österreichischen und deutschen Archiven dokumentiert. Darüber hinaus verwahrt die Österreichische Nationalbibliothek in der Handschriftensammlung Briefe von Anna Gräfin Ungarte geb. Baltazzi, Hector Baltazzi und Paula Baltazzi geb. Freiin von Scharschmid von Adlertreu. Von Helene und ihrer Tochter Johanna Vetsera existieren mindestens drei handschriftlich erstellte Denkschriften zur Tragödie (2 x Wien und 1 x New York). Zwei Adelsdiplome von Albin von Vetsera befinden sich heute im Besitz der Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft bzw. in einer Wiener Privatsammlung.
Memorabilien der Familie
Aus dem persönlichen Besitz der Damen der Familie Vetsera sind erhalten und derzeit bekannt u.a. ein Paar Schnürstiefel der Helene Vetsera (Museum der Stadt Wien), ein silberner Corpus Christi vom Grabkreuz der Mary Vetsera, ihr kunstvoll gestaltete Schirmknauf und ihr Totenschein (alles div. Privatbesitz), ein Läufer aus der Villa Vetsera in Payerbach (Barbarakapelle Küb) und zwei Bildalben mit aufgelegten Initialen (Privat).
Sammlungsverluste
Im ehemaligen Familienarchiv Vetsera-Baltazzi existierten darüber hinaus unzählige Originalfotografien von Familienmitgliedern, mehrbändige Tagebuchaufzeichnungen aus den 80-er und 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts sowie Pretiosen der Geschwister Vetsera. Dies alles ist heute nicht mehr zu eruieren. Ebenfalls nicht mehr greifbar sind seit dem Tode des Familienarchivars die erhaltene Teilnachlässe von Professor Dr. Fritz Judtmann - Manuskripte, Bilder, Informationen zu seinen Forschungsfahrten und die so genannte “Hubertus-Uhr” aus dem Nachlass von Kaiser Franz Josephs Leibarzt Dr. Joseph Ritter von Kerzl - und von Fregattenkapitän a. D. Hans Sokol, der den dritten Band der Franz Joseph-Biographie von Conte Corti, “Der alte Kaiser”, nach dem Tode des Autoren vervollständigte. Zwischenzeitlich sind jedoch verschiedene Objekte aus dem Nachlass von Fritz Judtmann in der Internetauktionsbörse eBay aufgetaucht und konnten vom Vetsera-Archiv erworben werden.